Senologie/Erkrankungen der Brust

Die Senologie (von fr. le sein „die Brust“; urspr. lat. sinus „Krümmung“) ist die Lehre von der weiblichen Brust.

Der Begriff geht zurück auf den Begründer der Senologie, Charles Marie Gros aus Straßburg, der 1972 mit der Senologic International Society (SIS) die erste Vereinigung zur medizinischen Erforschung der weiblichen Brust schuf. Sein Ziel war es, „alle mit den normalen und gestörten Funktionen der weiblichen Brust befassten Ärzte zusammenzuführen.“

Das Arbeitsgebiet der Senologie erstreckt sich von biologischen, physiologischen und anatomischen Grundlagenfächern über diagnostische und therapeutische Verfahren bis hin zu Nachsorge und Prophylaxe. In der Betreuung der Frauen bemühen sich Senologen verstärkt, um eine ganzheitliche Sicht der Patientinnen, die auch psychische und soziale Aspekte mit einschließt.

Zentrale Themen der aktuellen senologischen Forschung sind Vorgänge im Rahmen der physiologischen, respektive gestörten Brustentwicklung und besonders die Entstehung und Behandlung von gut- und bösartigen Neubildungen bis hin zu Mammakarzinomen. Ein Ziel ist, die Zahl und Schwere der Neuerkrankungen zu verringern, indem effektivere Vorsorgemaßnahmen etabliert werden. Dabei spannt sich der Bogen von Patientenschulungen zum korrekten Abtasten der eigenen Brust bis zur Entwicklung von strengen Qualitätssicherungsprogrammen im Bereich Mammografie. Ein weiterer Schwerpunkt ist die kontinuierliche Weiterentwicklung chirurgischer Techniken zur Brustrekonstruktion und Mamillenrekonstruktion. Da ganz überwiegend brusterhaltend gearbeitet wird, sind vollständige Brustamputationen inzwischen nur noch selten vonnöten.

Gutartige Brusterkrankungen

Angeborene Fehlbildungen, Mammahyperplasie und Mammahypertrophie und die Mastopathie sind die hauptsächlichen Erkrankungen. Sowohl körperliche Beschwerden als auch eine psychische Belastung stellen die Herausforderungen in der Betreuung der betroffenen Frauen dar. Oft sind die Probleme mit Operationen zu beheben, immer wieder muss begleitend eine medikamentöse oder/und psychotherapeutische Begleittherapie angeboten werden.

Bösartige Erkrankungen der Brust (Mammakarzinom)

Das Mammakarzinom ist die häufigste Krebserkrankung der Frau. Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei ca. 62 Jahren. Das Risiko einer Frau, irgendwann im Leben an Brustkrebs zu erkranken, liegt bei ca. 12 %. Das Mammakarzinom ist für 27 % aller Krebstodesfälle bei Frauen zwischen 35 und 60 Jahren verantwortlich. Die ersten 5 Jahre nach Diagnose überleben ca. 76 %. Das tumorabhängige Überleben für die ersten 5 Jahre liegt bei 83 %.

Die Überlebensrate der betroffenen Frauen steigt vor allem durch die verbesserte Früherkennung und die modernen Therapiemethoden an.

Bereits in der Vorsorge sollte eine suffiziente Untersuchung der Brust und eine individuelle Risikoberatung erfolgen.

Diagnostische Verfahren sind Tastuntersuchung, Ultraschall, Mammografie und Magnetresonanztomografie. Anhand dieser bildgebenden Verfahren ist sehr häufig eine minimal invasive Gewebeentnahme mittels Stanz- oder Vakuumbiopsie möglich. Dadurch verbessert sich die Situation erheblich. Entscheidende therapeutische Planungsschritte können in Absprache mit der betroffenen Frau von vornherein festgelegt werden. Hier können die Ausdehnung der Operation unter Einbeziehung der onkologischen Sicherheitsabstände, evtl. notwendige onkoplastische Operationen zur Rekonstruktion des operativen Defektes und die Wünsche der Patientin zu einem operativen Gesamtkonzept zusammenführt werden.

Neben dieser frühzeitigen, umfassenden Operationsplanung hat insbesondere die Einführung der Sentinel-Node-Biopsie zu Fortschritten in der operativen Therapie des primären Mammakarzinoms geführt. Die Beschränkung der konventionellen axillären Lymphonodektomie aufFälle mit klinisch bzw. sonographisch befallener Axilla ermöglicht für annähernd 60 % unserer Patientinnen eine Einschränkung der Operationsradikalität in der Axilla mit deutlicher Verminderung der Kurz- und Langzeitmorbidität. Hier hat sich der operative Standard substanziell geändert.

Gleiches gilt auch für die onkoplastischen Operationstechniken. Der vermehrte Einsatz von intramammären Rekonstruktionen mit glandulärer Rotationslappen-Technik zur Vermeidung größerer Gewebsdefekte und die Defektdeckung mittels lokaler Lappentechniken, insbesondere mittels thorakoepigastrischem Verschiebelappen bzw. Latissimus-dorsi-Lappen mit und ohne Hautinsel, ermöglichen heute eine Brusterhaltung auch bei größeren Gewebsresektionen mit annehmbaren kosmetischen Ergebnissen und wiederhergestellter Körperintegrität bei maximaler onkologischer Sicherheit.

Die diagnostischen und operativen Fortschritte in der Therapie des primären Mammakarzinoms werden ergänzt durch die Erfolge der primären systemischen Therapie. Hier hat die Chemotherapie bei rezeptornegativen Tumoren zu beachtlichen histopathologischen Komplettremissionsraten geführt. Mit Hilfe dieser primären systemischen Therapie können bisher als inoperabel geltende Mammakarzinome operiert und die Rate an brusterhaltenden Operationen erhöht werden.

Eine postoperative Strahlentherapie führt zur Verbesserung der lokalen Tumorkontrolle. Metaanalysen haben gezeigt, dass darüber hinaus auch die Mortalität relevant gesenkt wird. Die Effekte sind unabhängig vom Alter der Patientin. Dies gilt sowohl für die perkutane Radio- therapie nach brusterhaltender Operation als auch nach Mastektomie. Nicht abschließend geklärt sind die Effekte der Radiotherapie des regionalen Lymphabflusses.

Die adjuvante Systemtherapie hat insbesondere durch die Konsensusmeetings 2005 und 2007 in St. Gallen infolge der Renaissance der adjuvanten endokrinen Therapie bei postmenopausalen Frauen mit hormonrezeptorpositiven Tumoren einen neuen Stellenwert erhalten, der sich bis heute, nach der Konferenz 2011, behauptet. Insbesondere bei postmenopausalen Patientinnen mit endokrin sensiblen Tumoren haben sich der Einsatz der Aromatasehemmer als Upfront-Therapie, als Sequenztherapie („switch“), d.h. dem Einsatz von Aromatasehemmern im Anschluss an eine verkürzte Tamoxifen-Therapie von 2– 3 Jahren und einer Gesamttherapiedauer von 5 Jahren, sowie in Form einer erweiterten adjuvanten Therapie mit Aromataseinhibitoren nach regulärer 5-jähriger Tamoxifen-Therapie als erfolgversprechend erwiesen.

Die bisher vorliegenden Daten aus großen, multizentrischen prospektiven randomisierten Studien müssen durch die Langzeitergebnisse gestützt werden, insbesondere um bisher noch nicht erkannte Spätfolgen der Langzeitbehandlung mit Aromatasehemmern besser ausloten zu können.

Auch bei der adjuvanten systemischen Chemotherapie sind bei mit einem optimalen Einsatz der Taxane bzw. der dosisdichten und dosisintensivierten Chemotherapie kurz- und mittelfristig weitere Therapieerfolge zu erwarten. Besondere Beachtung haben die Ergebnisse der adju- vanten Therapie mit Trastuzumab (Herceptin®) gefunden. 2 internationale und 2 US-amerikanische Studien zeigen eine signifikante Verlängerung der Rezidivfreiheit und eine Verringerung der Metastasierungsrate sowie eine Verbesserung des Gesamtüberlebens durch den Einsatz dieses Antikörpers.

Insgesamt steht den behandelnden Ärzten ein großes Arsenal von diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten für ihre Patientinnen zur Verfügung. Entscheidend für die Verbesserung der Gesamtergebnisse ist sicher, unsere Patientinnen entsprechend den Empfehlungen dieser Leitlinien zu therapieren. Unter- oder Übertherapie, d. h. „nicht leitliniengerechte“ Therapie, verschlechtern die Ergebnisqualität (disease-free survival, overall survival).

Etwa 5 % aller Mammakarzinome entstehen aufgrund einer erblichen Disposition. Frauen mit Keimbahnmutationen in einem der prädisponierenden Gene BRCA1 oder BRCA2 haben ein lebenslanges Risiko von 50–80 %, an einem Mammakarzinom, von 60 % an einem kontralateralen Mammakarzinom und 10–40 % an einem Ovarialkarzinom zu erkranken.

Eine genetische Beratung sollte in spezialisierten Zentren erfolgen. Bei genetisch festgestelltem erhöhten Risiko werden die betroffenen Frauen speziellen Therapien unterzogen.